Wenn der Bildschirm plötzlich schwarz wird: Was Berliner Firmen Ransomware wirklich kostet

In den letzten zwölf Monaten habe ich vier Berliner Firmen gesehen, die nach einem Ransomware-Angriff nicht mehr wussten, wie sie ihre Rechnungen bezahlen sollen. Drei davon haben mir erlaubt, ihre Fälle zu schildern – anonym, aber mit den echten Zahlen. Keine Horrorgeschichten aus der Zeitung, sondern das, was hier in Neukölln, Charlottenburg oder Lichtenberg passiert, wenn die IT plötzlich wegbricht.

Der Handwerksbetrieb, der zwei Wochen nicht arbeiten konnte

Ein Sanitärbetrieb mit 18 Mitarbeitern aus Spandau. Die Buchhalterin klickt morgens auf eine Bewerbung im PDF-Format – und plötzlich sind alle Daten verschlüsselt. Keine Kundenaufträge, keine Lieferscheine, keine Rechnungen. Der Chef ruft mich an, als die Erpresser-Nachricht auf dem Bildschirm steht: 50.000 Euro in Bitcoin, sonst seien die Daten weg.

Was wirklich passiert ist:

  • Die Backups lagen auf demselben Server – also auch verschlüsselt. Kosten für Datenrettung durch Spezialisten: 12.000 Euro.
  • Zwei Wochen lang konnten keine Aufträge bearbeitet werden. Umsatzausfall: 85.000 Euro.
  • Drei Mitarbeiter mussten in Kurzarbeit geschickt werden. Lohnfortzahlung: 18.000 Euro.
  • Neue Hardware, weil die alte nicht mehr vertrauenswürdig war. 22.000 Euro.

Gesamtschaden: 137.000 Euro. Die Erpresser haben sie nicht bezahlt – aber selbst wenn, wären die Daten nicht vollständig wiederhergestellt worden. Die Firma hat überlebt, aber der Chef sagt heute: „Ich dachte immer, das passiert nur den Großen.“

Die Arztpraxis, die fast ihre Zulassung verloren hätte

Eine Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin in Steglitz. Ein Arzt öffnet eine E-Mail von einem vermeintlichen Laborpartner – und plötzlich sind alle Patientendaten verschlüsselt. Keine Termine, keine Abrechnungen, keine Medikamentenhistorie. Die Erpresser verlangten 20.000 Euro, aber das war nicht das Hauptproblem.

Was wirklich passiert ist:

  • Die Praxis musste die Kassenärztliche Vereinigung informieren. Bußgeld wegen Datenschutzverstoß: 50.000 Euro.
  • Drei Tage lang konnten keine Rezepte ausgestellt werden. Notfallvertretung durch andere Ärzte: 8.000 Euro.
  • Die IT-Forensik hat gezeigt, dass die Daten nicht nur verschlüsselt, sondern auch kopiert wurden. Meldung an die Datenschutzbehörde – weitere 30.000 Euro Strafe.
  • Neue Server, neue Firewall, neue Schulung für das Personal. 60.000 Euro.

Gesamtschaden: 248.000 Euro. Die Praxis hat die Erpresser nicht bezahlt, aber die Daten waren für immer verloren. Die Patientenakten mussten manuell neu erfasst werden – ein halbes Jahr Arbeit. Der Praxisinhaber sagt heute: „Ich dachte, unsere IT-Firma hätte das im Griff. Hatte sie nicht.“

Der Online-Shop, der in 24 Stunden 90% seiner Kunden verlor

Ein kleiner Versandhandel für Nischen-Elektronik in Friedrichshain. Die Website war plötzlich offline, die Datenbank verschlüsselt. Die Erpresser verlangten 10.000 Euro, aber das war nur der Anfang.

Was wirklich passiert ist:

  • Die Website war drei Tage offline. Umsatzausfall: 45.000 Euro.
  • Die Kunden dachten, der Shop hätte dichtgemacht. 90% der Stammkunden sind nicht zurückgekommen.
  • Die Wiederherstellung der Daten war nur teilweise möglich. Neue Datenbank, neue Sicherheitsmaßnahmen: 25.000 Euro.
  • Die Reputation war ruiniert. Neue Marketingkampagne nötig: 15.000 Euro.

Gesamtschaden: 85.000 Euro – aber der eigentliche Verlust war der Kundenstamm. Der Shop läuft heute mit einem Zehntel des früheren Umsatzes. Der Inhaber sagt: „Ich dachte, ein Backup reicht. Tut es nicht.“

Was Sie heute noch tun können, damit es Ihnen nicht passiert

Diese drei Fälle haben eines gemeinsam: Keine der Firmen hatte eine funktionierende Backup-Strategie, die wirklich im Ernstfall geholfen hätte. Hier ist, was Sie heute erledigen sollten:

  • Backups prüfen: Nicht nur, ob sie existieren, sondern ob sie funktionieren. Ein Backup, das nicht getestet wurde, ist kein Backup. Lassen Sie es von jemandem überprüfen, der sich damit auskennt – nicht vom Azubi oder dem Schwager, der „sich mit Computern auskennt“.
  • Offline-Backups einrichten: Ransomware verschlüsselt alles, was mit dem Netzwerk verbunden ist. Ein Backup auf einer externen Festplatte, die nur einmal am Tag angeschlossen wird, ist besser als nichts. Noch besser: Ein Cloud-Backup mit Versionierung, das nicht ständig mit dem Netzwerk verbunden ist.
  • Mitarbeiter schulen: 90% der Ransomware-Angriffe beginnen mit einer E-Mail. Zeigen Sie Ihren Leuten, wie sie verdächtige Anhänge erkennen. Ein zehnminütiges Gespräch mit der Belegschaft kann 100.000 Euro sparen.
  • Notfallplan erstellen: Wer ist verantwortlich, wenn die IT ausfällt? Wer ruft wen an? Wo sind die Backups? Wer setzt sie ein? Schreiben Sie es auf – und üben Sie es. Ein Notfallplan, der nur auf dem Papier steht, ist wertlos.

Die drei Firmen aus diesem Artikel haben eines gelernt: Ransomware ist kein IT-Problem. Es ist ein Geschäftsrisiko. Und wie jedes Risiko lässt es sich nicht komplett ausschließen – aber man kann es begrenzen. Fangen Sie heute an.

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